Pragmatik — Die Quadratur der Kommunikation

Frei nach Friedrich Schulz von Thun hat jede Kommunikation vier Seiten: Die Senderseite (Wer sagt etwas?), die Empfängerseite (Wer hört es?), die Nachrichtenseite (Was wird gesagt?) und die Beziehungsseite (In welcher Beziehung stehen Sender und Emfpänger zueinander?). Hier setzt auch die Pragmatik an: Sie untersucht eine Äußerung in ihrem Kontext (Sprecher, Hörer, Zeit, Ort, Sprechsituation) und unabhängig von Wahrheitsbedingungen.

Im Rahmen der kontextabhängigen Deutung werden sprachliche Ausdrücke in zwei Kategorien unterteilt:

Deiktische (zeigende) Ausdrücke (z. B. ich, du, hier, jetzt, gestern), die auf eine Referenz im Kontext der Sprechsituation verweisen; und anaphorische Ausdrücke (z. B. er, dieser, kurz davor), die auf eine Referenz im Textkontext verweisen.

Daneben befasst die Pragmatik sich mit bestimmten Folgerungen aus Äußerungen, nämlich den Präsuppositionen, den semantischen Implikationen (Entailments) und den Implikaturen (konventionell und konversationell).

Präsuppositionen sind logische Folgerungen, die sich unabhängig vom Wahrheitsgehalt einer Aussage ergeben.

Beispiel: Frank hat gekündigt.

Präsupposition 1: Es gibt ein Individuum namens Frank.
Präsupposition 2: Er hatte einen Job.

Bei den Auslösern einer Präsupposition wird unterschieden zwischen Eigennamen, definiten Nominalphrasen, Verben der Zustandsveränderung, Temporalsätzen, Temporaladverbien, faktiven Verben und kontrafaktischen Konditionalen.

Eine Präsupposition kann durch (sprachlichen oder situativen) Kontext aufgehoben werden.

Für Präsuppositionen gibt es einige Tests, um sie von Assertionen (dem wahrheitsfunktionalen Gehalt von Aussagen) und semantischen Implikationen zu unterscheiden.

1) Negationstest (wenn der Satz verneint wird, bleibt die Präsupposition trotzdem bestehen)
2) Modalisierungstest (wenn der Satz modalisiert wird, bleibt die Präsupposition bestehen)
3) Fragetest (wenn der Satz zu einer Frage umformuliert wird, bleibt die Präsupposition bestehen)
4) Konditionalisierungstest (wenn der Satz ins Konditional gesetzt wird, bleibt die Präsupposition bestehen)

Semantische Implikationen (Entailments): Satz p impliziert Satz q, d. h. wenn p wahr ist, ist auch q wahr.

Beispiel:
p: Karl wurde erschossen.
q: Karl ist tot.

Konventionelle Implikaturen sind mit der Bedeutung eines Ausdrucks fest verbunden, ohne Einfluss auf die Wahrheitsbedingungen zu haben; sie geben einem Ausdruck eine zusätzliche Bedeutungskomponente (z. B. die Anrede “Sie” vs. “du”). Diese Art Implikaturen sind nicht aufhebbar, aber ablösbar (können mit einer Paraphrase ausgedrückt werden, die nicht die zusätzliche Bedeutungskomponente hat).

Konversationelle Implikaturen hingegen entstehen jeweils nur in bestimmten Äußerungssituationen. Die Grundlage hierfür bildet die Annahme, dass es Maximen gibt, die jede Konversation steuern und an die die Beteiligten sich in der Regel halten. Die vier Maximen werden unter dem Kooperationsprinzip zusammengefasst und lauten:
1) Maxime der Qualität
2) Maxime der Quantität
3) Maxime der Relevanz
4) Maxime der Modalität

Auf der Basis des Kooperationsprinzips werden Äußerungen interpretiert (inkl. scheinbarer und tatsächlicher Nicht-Befolgung der Maximen). Ironie z. B. wäre eine Verletzung der Qualitätsmaxime, weil die gemeinte Aussage ins Gegenteil verkehrt wird (vlg. “Peter, das hast du ja toll gemacht!”, wenn Peter gerade etwas kaputtgemacht hat).