Der Formenbestand klitischer Definitartikel im Ruhrdeutschen

Diese Hausarbeit habe ich im vergangenen Semester mit der Betreuung von Dr. Ulrike Freywald an der Humboldt-Universität zu Berlin geschrieben, im Rahmen meines Bachelorstudiums Germanistische Lintuistik (Note: 1,3).

An dieser Stelle möchte ich noch einmal allen Teilnehmern meiner Umfrage danken; ihr habt die Bearbeitung meiner Forschungsfrage erst möglich gemacht!

Ich stelle meine Hausarbeit hier wieder unter einer CC-BY-NC-ND-Lizenz ein. Ladet sie euch runter, lest sie, gebt sie weiter, solange ihr nichts verändert, mich als Autorin kennzeichnet und kein Geld damit verdient.

Der Formenbestand klitischer Definitartikel im Ruhrdeutschen_Hausarbeit Theresa Travelstead_WS15-16

Advertisements

Morphologie — oder wie man Buchstaben einen Sinn gibt

Morphologie — die Lehre der Wortbildung. Es gibt grundsätzlich zwei verschiedene Arten der Wortbildung: die Wortbildung neuer Wörter mittels Derivation, Komposition oder Konversion, d. h. Ableitung neuer Wörter von bestehenden Wörtern, und die Flexion, d. h. die Bildung neuer Wortformen von bestehenden Wörtern (z. B. Pluralform, Konjugation von Verben, Deklination).

Wer meinen Post über Syntax gelesen hat, weiß, dass ich Strukturbäume liebe *hust* Nun, die Morphologie hat ebenfalls Strukturbäume. Ist das nicht herrlich? Nur dass sie diesmal nicht die zugrundeliegende Struktur eines Satzes angeben, sondern die Struktur von komplexen, d. h. zusammengesetzten, Wörtern.

Beispiel: Das Wort Haustür besteht aus den Bestandteilen Haus und Tür. Es wird als Strukturbaum wie folgt dargestellt:

                          N (nominales Determinativkompositum)
                        /     \
                    N       N
                  haus     tür

Wörter werden grundsätzlich in Simplizia (einfache) und komplexe Wortformen eingeteilt. Simplizia lassen sich nicht weiter unterteilen; sie bestehen nur aus einem freien Morphem. Komplexe Wortformen hingegen bestehen aus mindestens zwei Wortbestandteilen ((freie) Morpheme, Affixe) und werden in die Wurzel (ein (freies) Morphem als Basis des Wortes), den Stamm (die Ausgangsform für Flexion, kann eine Wurzel oder eine komplexe Wortform sein) und die Affixe (nicht frei vorkommende Morpheme, in “normalem” Deutsch üblicherweise Vor- oder Nachsilben genannt) unterteilt.

Was ist nun ein Morphem?

Ein Morphem ist die kleinste bedeutungstragende Einheit der deutschen Sprache. Es kommt als freies Morphem, d. h. ein Morphem, das auch alleine stehen kann, oder als gebundenes Morphem, d. h. ein Morphem, das nur in Verbindung mit mindestens einem weiteren Morphem stehen kann, vor.

Beispiel: Das Adjektiv schön ist ein freies Morphem, da es nicht weiter unterteilt werden kann (also die kleinste bedeutungstragende Einheit ist), aber alleine stehen kann. Die deutsche Vorsilbe un- hingegen ist ein gebundenes Morphem (es ist die kleinste bedeutungstragende Einheit, üblicherweise in der Bedeutung “nicht”, bezeichnet das Gegenteil des Stamms), da es nicht alleine stehen kann, sondern mit einem Stamm verbunden werden muss.

Überblick über die Mittel der Wortbildung

Komposition
Ein Kompositum besteht immer aus mindesten zwei freien Morphemen, die in bestimmter Relation zueinander stehen.

Derivation
Bildung eines neuen Wortes mit Hilfe von Derivationsaffixen (z. B. -keit, un-) oder durch innere Ableitung (Basis wird verändert, z. B. trink- vs. Trank).

Konversion
Konvertierung eines Stamms in eine andere Kategorie ohne Veränderungen (z. B. spiel- vs. (das) Spiel). Teilweise wird die Konversion auch als sogenannte Null-Derivation bezeichnet und zur Derivation gerechnet; dann geht man von einem sogenannten Nullmorphem als Derivationsaffix aus.

So, das soll erst mal reichen. Vielleicht gehe ich in einem weiteren Post nochmal in die Tiefe, aber für einen ersten Überblick ist das denke ich mal genug.

Auslautverhärtung Türkisch vs. Deutsch

Gestern Abend im Türkischkurs saßen wir an einer Übung, als meinem Sitznachbarn (auch Linguist) und mir etwas auffiel: Die türkische Sprache hat ebenfalls Auslautverhärtung, nur dass sie auch das Graphem entsprechend anpasst. Sprich: Im Türkischen sieht man an der auslautverhärteten Form leider nicht mehr die Grundform, so dass es auf den ersten Blick schwer zu sehen ist, welche Konsonanten sich bei Anhängung von Suffixen zurück in die ursprünglich stimmhafte Form ändern.

Für alle Nicht-Linguisten:

Im Deutschen sprechen wir [hʊnt], schreiben aber . Wir machen aus dem stimmhaften /d/ am Wortende also ein stimmloses /t/. Im Plural hingegen sprechen wir das /d/ [hʊndə].

Im Türkischen wird [kitap]² allerdings geschrieben, während die zugrundeliegende Form ein /b/ beinhaltet, wie man an der Form sieht.

Ich habe eine ganze Weile lang hin- und herüberlegt, welche Herangehensweise an dieses Problem ich besser finde. Die deutsche Sprache schreibt bei Auslautverhärtung nach dem morphologischen Prinzip, behält also den Konsonanten der zugrundeliegenden Form bei, um die Verwandtschaft der Wörter zu kennzeichnen. Die türkische Sprache auf der anderen Seite schreibt nach dem phonographischen Prinzip und schreibt in jeder Wortform das Graphem, das der phonologischen Repräsentation entspricht.

Die phonographische Schreibweise erleichtert die intuitive Aussprache eines geschriebenen Wortes wie auch die korrekte Rechtschreibung eines gehörten Wortes, während die morphologische Schreibweise … nun, im Fall der türkischen Sprache würde sie die korrekte Aussprache und Bildung der flektierten Formen deutlich erleichtern.

Was nun besser ist? Es kommt auf das Anwendungsgebiet der Prinzipien an, denke ich. Im vorliegenden Fall der Auslautverhärtung finde ich die morphologische Schreibweise besser, auch wenn man zu Beginn lernen muss, dass die Endkonsonanten stimmlos gesprochen werden, auch wenn sie als stimmhafte Konsonanten geschrieben werden. Aber das ist eine Regel, die man relativ leicht und schnell verinnerlichen kann. Und für die korrekte Schreibweise der Form mit Auslautverhärtung gibt es immer noch die Möglichkeit, die Form entsprechend zu erweitern, z. B. [hʊnt] -> [hʊndə]. Auf der anderen Seite zu erkennen, bei welchen Wörtern eine Auslautverhärtung stattgefunden hat, die bei Flektierung wieder rückgängig gemacht wird, finde ich ungleich schwieriger. Aber das ist nur meine Auffassung ^^

² Ich hoffe, ich habe das türkische Wort richtig transkribiert …