Graphematik — Warum schreiben wir so, wie wir schreiben?

Heute dreht sich alles um unsere Rechtschreibung und die Prinzipien, die sich dahinter verstecken. Denn ja, ob ihr es glaubt oder nicht, unsere deutsche Rechtschreibung hat Sinn und Verstand dahinter!

Warum tun sich viele Kinder dann trotzdem so schwer, unsere deutsche Rechtschreibung zu lernen? Nun, die deutsche Sprache richtet sich nicht ausschließlich nach dem phonographischen Prinzip (das besagt, dass jedes Phonem genau einem Graphem zugeordnet ist). Dabei ist Graphem ≠ Buchstabe. Das Deutsche kennt nämlich auch sogenannte Di- und Trigraphen (, , , , , , ).

Während viele Wörter nach dem phonographischen Prinzip richtig geschrieben werden können, haut es leider nicht bei allen Wörtern hin. Vergleicht die Wörter (/ziːgən/ -> ) und (/baːn/ -> ). Das ist ein Graphem für das langgesprochene [iː] und wird demnach beim phonographischen Schreiben richtig wiedergegeben. Auch das Graphem für das Phonem /z/ ist belegt. Das langgesprochene [aː] auf der anderen Seite entspricht, genau wie das kurzgesprochene [a], dem Graphem . Die deutsche Großschreibung von Substantiven ist ebensowenig Teil des phonographischen Prinzips, so dass aus “Bahn” die Verschriftlichung wird.

Welche anderen Prinzipien bestimmen also, wie wir Deutschen schreiben?

Nun, zum einen wird unsere Orthographie durch die Politik bestimmt. Die zugrundeliegenden Regeln kommen allerdings aus der Graphematik, und die meisten orthographischen Regeln lassen sich auf ein oder mehrere graphematische Prinzipien zurückführen.

Neben dem oben erläuterten phongraphischen Prinzip gibt es das sogenannte silbische Prinzip, das eng mit der Silbenphonologie verwandt ist (siehe auch meinen Post zur Phonologie, Teil 2). Es hängt mit dem Längenausgleich innerhalb einer Silbe zusammen, der besagt, dass ein ungespannter (also kurzer) Vokal niemals in einer betonten offenen Silbe steht, und dass eine komplexe Koda mit mehr als einem Konsonanten niemals auf einem gespannten (also langen) Vokal folgt (ja, es gibt auch hier leider Ausnahmen, z. B. die Wörter und ). Problemfälle sind in der Hinsicht die Silben mit nur einem Konsonant in der Koda, da gespannte und ungespannte Vokale in der Regel (Ausnahmen sind vs. und vs. ) mit dem gleichen Graphem verschriftlicht werden.

Um hier Abhilfe zu schaffen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, gespannte Vokale kenntlich zu machen. Eine davon ist das Dehnungs-h, das allerdings nur vor den Sonoranten , , und auftritt. Dann wiederum gibt es die Vokalverdoppelung, die aus visuellen Gründen grundsätzlich nur bei
, und möglich ist.

Auf der anderen Seite werden Silbengelenke, die nur nach ungespannten Vokalen auftreten, durch Konsonantenverdopplung kenntlich gemacht (Di- und Trigraphe werden nicht verdoppelt, für und gibt es besondere Schreibweisen im Silbengelenk: und ).

Auch das silbentrennende gehört zu diesem Prinzip. Es wird zwischen zwei Vokale gesetzt, die als Silbenkerne andererseits in der Schreibung direkt aufeinandertreffen würden (z. B. in den Wörtern und ).

Das dritte große Prinzip ist das morphologische Prinzip. Dieses Prinzip besagt, dass morphologisch verwandte Stämme gleich repräsentiert werden, damit man die Verwandtschaftsbeziehungen sieht. Deshalb wird beispielsweise mit und nicht mit geschrieben, oder mit (da die Pluralform das Silbengelenk hat).

Neben den drei großen Prinzipien gibt es noch einige graphematische Tendenzen wie die Differenzierung homophoner Formen (vgl. vs. ), die etymologische Schreibung und die ästhetische Schreibung.

Auslautverhärtung Türkisch vs. Deutsch

Gestern Abend im Türkischkurs saßen wir an einer Übung, als meinem Sitznachbarn (auch Linguist) und mir etwas auffiel: Die türkische Sprache hat ebenfalls Auslautverhärtung, nur dass sie auch das Graphem entsprechend anpasst. Sprich: Im Türkischen sieht man an der auslautverhärteten Form leider nicht mehr die Grundform, so dass es auf den ersten Blick schwer zu sehen ist, welche Konsonanten sich bei Anhängung von Suffixen zurück in die ursprünglich stimmhafte Form ändern.

Für alle Nicht-Linguisten:

Im Deutschen sprechen wir [hʊnt], schreiben aber . Wir machen aus dem stimmhaften /d/ am Wortende also ein stimmloses /t/. Im Plural hingegen sprechen wir das /d/ [hʊndə].

Im Türkischen wird [kitap]² allerdings geschrieben, während die zugrundeliegende Form ein /b/ beinhaltet, wie man an der Form sieht.

Ich habe eine ganze Weile lang hin- und herüberlegt, welche Herangehensweise an dieses Problem ich besser finde. Die deutsche Sprache schreibt bei Auslautverhärtung nach dem morphologischen Prinzip, behält also den Konsonanten der zugrundeliegenden Form bei, um die Verwandtschaft der Wörter zu kennzeichnen. Die türkische Sprache auf der anderen Seite schreibt nach dem phonographischen Prinzip und schreibt in jeder Wortform das Graphem, das der phonologischen Repräsentation entspricht.

Die phonographische Schreibweise erleichtert die intuitive Aussprache eines geschriebenen Wortes wie auch die korrekte Rechtschreibung eines gehörten Wortes, während die morphologische Schreibweise … nun, im Fall der türkischen Sprache würde sie die korrekte Aussprache und Bildung der flektierten Formen deutlich erleichtern.

Was nun besser ist? Es kommt auf das Anwendungsgebiet der Prinzipien an, denke ich. Im vorliegenden Fall der Auslautverhärtung finde ich die morphologische Schreibweise besser, auch wenn man zu Beginn lernen muss, dass die Endkonsonanten stimmlos gesprochen werden, auch wenn sie als stimmhafte Konsonanten geschrieben werden. Aber das ist eine Regel, die man relativ leicht und schnell verinnerlichen kann. Und für die korrekte Schreibweise der Form mit Auslautverhärtung gibt es immer noch die Möglichkeit, die Form entsprechend zu erweitern, z. B. [hʊnt] -> [hʊndə]. Auf der anderen Seite zu erkennen, bei welchen Wörtern eine Auslautverhärtung stattgefunden hat, die bei Flektierung wieder rückgängig gemacht wird, finde ich ungleich schwieriger. Aber das ist nur meine Auffassung ^^

² Ich hoffe, ich habe das türkische Wort richtig transkribiert …