Phonologie, Teil 2: In Reih und Glied, ihr Silben!

Wie gestern schon angekündigt, kommt heute Teil zwei meiner Zusammenfassung zur Phonologie. Diesmal geht es um Silben, genauer gesagt der Silbenstruktur (und ihrem Skelett, dazu unten mehr).

Jede Silbe besteht strukturell aus einem Onset (Silbenanfangsrand) und einem Reim (der sich dann weiter aufgliedert in Nukleus und Koda (Silbenrand)). Der einzige Platz, der immer besetzt sein muss, ist der Nukleus, auch Silbenkern oder Silbengipfel genannt. Wenn eine Silbe eine leere Koda hat, ist es eine offene Silbe. Ist die Koda besetzt, nennt man die Silbe geschlossen.

Der Silbenbildung liegen im Deutschen zwei Prinzipien zugrunde: Die Sonoritätshirarchie und die Maximaler-Onset-Regel.

Die Sonoritätshirarchie besagt, dass der Sonoritätshöhepunkt im Nukleus liegt und der Onset eine steigende, die Koda eine fallende Sonorität aufweisen. Sprich: Wenn eine Silbe einen (oder mehrere) Vokal(e) hat, ist das immer der Nukleus. Alles davor steht im Onset, alles danach in der Koda. Sollte eine Silbe (z. B. durch Schwa-Tilgung) keinen Vokal mehr haben, übernimmt ein vokalisierter Konsonant (ein Sonorant, z. B. ein /n/ oder /l/) den Nukleus als Silbenkern.

Sonorität der verschiedenen Laute:

 ^ Vokale
 | Gleitlaute ([j])
 | Liquide ([l], [r], [ʀ])
 | Nasale ([m], [n], [ŋ])
 | Frikative
 | Plosive

Die Maximaler-Onset-Regel besagt, dass im Deutschen der Onset einer Silbe so groß wie möglich (unter Einhaltung der Sonoritätshirarchie) ist. Im Zweifelsfall wird eine vorangehende Silbe also offen sein, damit der Konsonant im Onset der Folgesilbe stehen kann. Die deutsche Sprache hat so gut wie nie einen leeren Onset (selbst bei Wörtern oder Silben, die mit Vokal anfangen, setzen wir obligatorisch einen Knacklaut ein, der zu den Konsonanten zählt).

Im Deutschen findet zwischen Nukleus und Koda in der Regel ein Längenausgleich statt. Wenn wir also eine prall gefüllte Koda haben, ist der Vokal im Nukleus kurz, d. h. ungespannt. Haben wir stattdessen eine offene Silbe, ist der Vokal lang, d. h. gespannt, oder ein Diphtong (Doppelvokal). Die Gewichtigkeit der einzelnen Silbenbestandteile wird anhand der Skelettschicht dargestellt. Ein langer Vokal erhält zwei “X”, während ein Konsonant, der als Silbengelenk agiert (also sowohl Koda wie auch Onset der Folgesilbe besetzt) nur ein “X” erhält. Auch Affrikaten werden nur durch ein “X” dargestellt, auch wenn sie mit zwei Lautzeichen transkribiert werden.

Beispiel: Essen

    ơ          ơ      (das Sigma steht für Silbe)
   /   \       /   \
 O    R  O    R
  |     /  \  |    /   \
  |   N K |   N  K
  |    |    \ /    |    |
 X  X   X   X  X
  |    |     |     |    |
[Ɂ   ɛ    s    ə   n]

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